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Die Zukunftsforscher “spicken” bei der Science Fiction

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In der heutigen On-Line-Ausgabe des Tagesanzeigers habe ich gerade einen Artikel gefunden, wonach sich offenbar der Zukunftsforscher Thomas Le Blanc von Kunden dafür bezahlen lässt, dass er Science-Fiction-Literatur durchforstet und anhand der Resultate dem Kunden Tipps gibt, in welche Richtung sich die Entwicklung bewegen könnte.

In Bezug aufs Automobil ist er offenbar fündig geworden; Arbeitsämter hat er in der Science Fiction keine gefunden… Das wundert mich wiederum gar nicht: Utopien kennen keine Arbeitslosigkeit (siehe z.B. Star Trek), und in Dystopien ist die Situation meist derart, dass entweder die Arbeit als solche bereits irrelevant ist, oder die Krise hat eine Form, dass Ämter generell obsolet werden.

Im Übrigen wundert es mich, dass die Futurologen nicht schon früher auf die Idee kamen, die Kreativität eines Autors, eines Science-Fiction-Autors, für ihre Zwecke auszunutzen. Ich vermute, dass Science Fiction bis anhin der exaktere Weg war, die Zukunft vorher zu sagen als die eigentliche Futurologie.

Vom antiken Orakel zur Wissenschaft

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Kommt Zeit, kommt Rat!“, pflegt man zu sagen. Was aber, wenn ich den Rat vor der Zeit erhalten möchte? Ähnlich wie „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ klingt auch „Kommt Zeit, kommt Rat!“ sehr fatalistisch und unpassend für einen Menschen des 21. Jahrhunderts. Wir planen, wir denken voraus. In jeder Firma gehört es zum Vorgesetzten-Dasein, viertel- und halbjährliche Planungen abgeben zu müssen. Früher, als der Mensch noch fatalistischer eingestellt war, waren es allenfalls Personen mit priesterlicher Funktion, denen es erlaubt war, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Später waren es Wissenschafter, sog. Futurologen, noch später und bis heute jeder Lokalpolitiker.

Denn: Seine / eine Zukunft gestalten, heisst immer auch: Seine Zukunft vorhersehen wollen. Jede Planung ist der Versuch eines Vorhersehens dessen, was kommen wird, der Versuch, darauf Einfluss zu nehmen. Schon früh wurde in der Menschheit der Wunsch laut, diesen Versuchen eine einigermassen verlässliche Basis zu geben. Was lag da näher als den Gott oder einen Gott zu befragen? Nachdem Gott im Alten Testament sehr früh aufgehört hat, persönlich unter den Menschen zu wandeln, waren Vermittler gefragt. Ähnlich ja in der Griechischen Antike, wo die Götter ja offenbar kurz vor Homer ebenfalls aufgehört hatten, sich direkt in menschliche Belange einzumischen oder sich ihnen – unter welcher Gestalt und zu welchen Zwecken auch immer – zu zeigen. Im Judentum waren es Moses und dann die alttestamentarischen Propheten, die erschienen, im antiken Griechenland wurde der Gebrauch des Orakels Usus. Propheten beantworteten aber normalerweise keine Fragen, sondern sagten von sich aus eine – meist nicht sehr schöne – Zukunft voraus. Propheten waren deshalb auch nie beliebt, sondern wurden meist von Staats wegen als Unruhestifter verfolgt. Vom Phänomen oder Problem des ‘falschen Propheten’ einmal ganz zu schweigen. Echte und falsche Propheten von einander zu unterscheiden, war schwierig. (Ein ähnliches Problem stellte sich Jahrhunderte später der Katholischen Kirche, als die Mystik und die Mystiker überhand zu nehmen begannen. Um genuin göttliche von teuflischen Inspirationen unterscheiden zu können, wurde ein ganzes Regelwerk erstellt – Fragen, denen die Mystiker und Mystikerinnen Genüge tun mussten, um nicht auf dem Scheiterhaufen als Häretiker zu enden.)

Ein bisschen einfacher haben es da die Orakel. Einerseits hüteten sich die Priester und Priesterinnen, ihren Arbeitgeber, ihre Einnahmequelle zu kompromittieren, indem sie allzu klare Aussagen, die Zukunft betreffend, machten. Schon im alten Griechenland galten Orakel immer als dunkel, ihre Aussagen als mindestens zweideutig. Der Grund ist klar und ich zitiere einen Wissenschaftsjournalisten, Simon Schmid:

Unvorhersehbare Risiken und modelltheoretische Schwierigkeiten machen die Prognosen zu einem abenteuerlichen Business. Auch Herdentrieb und der Ruf nach Aufmerksamkeit prägen das Geschäft. «Prognostiker, die sich am Markt bewähren müssen, sind in einer zwiespältigen Lage. […] Einerseits haben sie einen Anreiz, nicht zu stark vom Konsens abzuweichen; andererseits wollen sie als eigenständig wahrgenommen werden.»

Schon in den antiken Sagen wurde vor der Zweideutigkeit einer Orakel-Aussage gewarnt – das wohl bekannteste Beispiel die Geschichte von Ödipus:

König Laios von Theben hatte einst die Gastfreundschaft des Königs Pelops missbraucht, indem er dessen Sohn Chrysippos entführen und verführen wollte, weil er sich in den Jungen verliebt hatte. Aufgrund dessen wurde er von Pelops verflucht. Laios und seine Frau Iokaste blieben lange Zeit kinderlos und eines Tages machte sich Laios auf den Weg zum Orakel von Delphi und erhielt Kunde von dem Fluch. Das Orakel sagte: „Solltest du dich je unterstehen, einen Sohn zu zeugen, so wird dieser seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten.“

Iokaste bekam tatsächlich einen Sohn. Laios ließ also im Einverständnis mit seiner Frau Iokaste dem Neugeborenen die Füße durchstechen, zusammenbinden und ihn von einem Hirten so im Kithairon-Gebirge aussetzen. Der Hirte aber hatte Mitleid mit dem Neugeborenen und übergab ihn einem vorbeiziehenden Hirten aus Korinth. Über diesen gelangte das Kind zum König Polybos von Korinth und wurde von ihm adoptiert.

Ödipus wuchs in Korinth auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als er in die Pubertät kam, machte ein Betrunkener auf einem Fest Andeutungen, denen zufolge er nicht der leibliche Sohn seiner Eltern sei. Ödipus war beunruhigt, die Antwort von Polybos und Merope befriedigte ihn nicht, und so befragte er schließlich seinerseits das Orakel. Ganz konkret wollte er wissen, wer er denn nun sei. Das Orakel blieb typischerweise die Antwort schuldig und verkündete stattdessen, er, Ödipus, werde seinen Vater töten und seine Mutter zur Frau nehmen. Entsetzt brach er daraufhin in die Ferne auf, damit sich die Prophezeiung an seinen vermeintlichen Eltern in Korinth nicht bewahrheite.

Auf dem Weg traf er an einer engen Weggabelung im Gebirge auf einen Wagen. Der Fahrer des anderen Wagens, forderte Ödipus auf, sofort Platz zu machen. Da ihm das zu langsam ging, tötete er eins der Pferde des Ödipus, woraufhin Ödipus sowohl den Fahrer als auch, nichts ahnend, dessen Passagier und somit seinen leiblichen Vater Laios tötete, womit sich der erste Teil der Vorhersage des Orakels erfüllte.

Nach Laios Tod übernahm dessen Schwager Kreon die Herrschaft über Theben. Zu dieser Zeit lauerte die Sphinx Reisenden in der Nähe von Theben auf. Sie saß auf einem Felsen und stellte den Vorbeikommenden ein Rätsel und verschlang jeden, der es nicht lösen konnte. Also: jeden. Den negativen Einfluss auf die Tourismus-Branche kann man sich vorstellen. Also suchte der Politiker Kreon nach einer Lösung: Er versprach jenem den Thron von Theben und zusätzlich seine Schwester Iokaste zur Frau, der das Rätsel der Sphinx lösen konnte. Ödipus löste das Rätsel, worauf sich die Sphinx ins Meer stürzte, und befreite so Theben. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und erhielt Iokaste, seine eigene Mutter, zur Frau, mit der er diverse Kinder zeugte. So erfüllte sich auch der zweite Teil der Prophezeiungen.

Die Fortsetzung der Geschichte ist bekannt. Sie zeigt, dass es sinnlos ist, ein Orakel – und damit sein Schicksal – austricksen zu wollen, ja, dass gerade die Tricksereien dazu dienen, das Orakel zu erfüllen.

Das war Macht des Orakels, wie ihn der Mythos darstellte und wünschte. Wie aber gingen die Griechen in der Realität des täglichen Lebens damit um?

Xenophon, ein Schüler des uns wohl bekannten Sokrates, träumte davon, als Söldner in persischen Diensten zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Sokrates stand diesen Wünschen eher skeptisch gegenüber, wollte aber offenbar nicht direkt davon abraten, sondern drängte seinen Schüler nur, zuerst noch das Orakel zu Delphi zu befragen. Doch Xenophon war ja nicht ganz auf den Kopf gefallen. Um ja keinen negativen Bescheid zu riskieren, fragte er das Orakel dann auch nicht, ob er als Söldner nach Persien fahren solle oder nicht – er fragte das Orakel nur, an welche Götter er sich zu wenden habe, um einen glücklichen Ausgang des Abenteuers sicher zu stellen. Die Antwort des Orakels konnte er so oder so verwenden, um daraus eine Zustimmung der Götter zu seinen Plänen zu konstruieren.

Das war dann schon bald das Ende des antiken Orakeltums. In Europa übernahmen zunächst die Römer das Zepter, die die Zukunft aus den Innereien von Vögeln und andern Opfertieren lasen. Auch die Römer tricksten dabei natürlich, indem sie einfach so lange Vögel aufschlitzten, bis die Innereien bei einem so lagen, wie sie es wünschten.

Das frühe Christentum entnahm seine Gestaltung der Zukunft den Vorhersagen, die es in seinen Heiligen Schriften fand. Allen voran stand natürlich das Neue Testament, das viele Vorhersagen Christi, der Apostel und des geheimnisvollen Johannes der Apokalypse beinhaltete. Viele Aussagen musste immer wieder neu interpretiert werden – so ging z.B. die erste Jahrtausendwende vorbei, ohne dass sich eine Vorhersage in Bezug auf Christi Wiederkunft bewahrheitet hätte. Diese Neuinterpretationen wurden zusehends esoterischer. Das gemeine Volk griff zurück auf alte und im Grunde genommen heidnische Orakel-Formen.

Humanismus und Aufklärung brachten eine weitere Verweltlichung der Vorhersage von Zukunft mit sich. Die Entwicklung einer Naturwissenschaft im modernen Sinn erlaubte es, auch die Vorhersagen zu ‘verwissenschaftlichen’. Ein Paradebeispiel dafür sind die Vorhersagen von Sonnen- und Mondfinsternissen. Die alten Babylonier konnten das zwar auch schon, aber nur aufgrund mathematischer Tricks. Jetzt aber wurde es möglich, eine Finsternis genau vorher zu sagen und sich entsprechend darauf einzurichten. Die moderne Technik brachte eine Möglichkeit zur Beherrschung der Natur – und damit zur Gestaltung der Zukunft, denn das Unwägbarste an der Zukunft war noch immer die Natur gewesen.

Nebenbei entstand dadurch auch eine neue Form der Zukunfts-Vorhersage, in literarischer Form, nämlich der sog. ‘Science Fiction’. Jules Verne und H. G. Wells stehen zwar nicht ganz am Anfang, sind aber für frühe Science Fiction typische Autoren. Wells, der Sozialist, warnte auch immer vor den Gefahren der technischen Entwicklung, während Jules Verne die Gefährdung immer als individuelle Fehler abtat und im übrigen ein grossartiges Abenteuer witterte.

Auch ausserhalb des Technischen finden wir mit dem Aufkommen der Aufklärung nun Zukunftsentwürfe. Unsere beiden Orden, als Kinder der Aufklärung, gehören da natürlich auch dazu. Die erste in der Zukunft angesiedelte Geschichte finden wir bei Louis-Sébastien Mercier, einem französischen Literaten, der 1740 geboren wurde und noch die Französische Revolution miterleben sollte. Er schrieb im Jahr 1771 das Werk „Das Jahr 2440: ein Traum aller Träume“, in dem ein Zeitreisender ins Jahr 2440 katapultiert wird und dort ein von allen schlechten Umständen gereinigtes Königtum in Paris findet. Das Dumme daran ist, dass Mercier nicht klar machen kann, wie diese Reinigung statt gefunden haben soll. Sie ist einfach da. (Im übrigen ignoriert Mercier sogar die Entwicklung des Heissluftballons, die 1771 schon im vollen Schwange war. Die Technik, z.B. eben die Fortbewegungsarten, seines Jahres 2440 entspricht noch völlig der von 1771. Man geht zu Fuss oder lässt sich in Sänften tragen.)

Mary Shelley ist bekannt geworden durch ihren 1818 erschienen „Frankenstein“. Obwohl es darin um die künstliche Erschaffung eines Menschen geht, haben wir keinen Science-Fiction-Roman vor uns, sondern eine Charakter-Studie, näher an Faust denn an Jules Verne. Es gibt zwar von Mary Shelley einen Zukunfts-Roman, „The last Man“ (Der letzte Mensch), in dem die Entwicklung Grossbritanniens anhand der Entwicklung des Freundeskreises um Lord Byron geschildert wurde. Auch Mary Shelley sieht in ihrer Geschichte, die Ende des 21. Jahrhunderts spielen soll, keine Entwicklung der Technik vor – die Kutsche bleibt das vorherrschende Transportmittel. Der Heissluftballon wird zwar als Passagierfahrzeug eingesetzt, spielt aber offenbar nur im Schnell-Fernverkehr eine Rolle. Inhaltlich sind es politische Fragen der Regierung Grossbritanniens, die Frau Shelley abhandelt.

Erst die US-Amerikaner sollten die Science Fiction systematisch in die Zukunft verlegen. Dabei stossen wir immer wieder auf ein interessantes Phänomen. Der Pole Stanislaw Lem, selber renommierter Science-Fiction-Autor, hat es in seinem theoretischen Werk „Phantastik und Futurologie“ festgehalten: Fast immer wird die Zukunft als etwas hingestellt, das im Grunde genommen dasselbe ist wie die Gegenwart – nur grösser. Science Fiction aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts kennt Computer – aber sie sind noch im 25. Jahrhundert Röhren-betrieben und nehmen immensen Platz in Anspruch. Noch etwas früher, bei „Doc“ Smith, ist ein Computer ein Mensch, der mit Bleistift und Zirkel die Navigation im Weltraum berechnet. Die Lieblings-Energiequelle des frühen Asimov ist die Atomkraft, die ungeheuer miniaturisiert in jedem Gadget seiner Protagonisten drin steckt. (Zugegeben: Wir finden andererseits auch technische Gadgets, die in der Science Fiction vorweg genommen wurden. Die TV-Serie „Star Trek“ kennt nicht nur die Technik des Beamens, die nach allem, was ich weiss, einen derart grossen Energie-Aufwand benötigen würde, dass sie physikalisch unmöglich ist – sie kennt auch kleine Instrumente, mit denen die Crew-Mitglieder untereinander kommunizieren, und die heute als „Handy“ auf der ganzen Welt verwendet werden.)

Aber auch Wissenschaft und Politik versuchen, die Zukunft vorherzusehen. Das heisst in der Politik dann Planung. Meist geschieht das wohl, indem die Politik dasselbe tut, das auch die Literatur getan hat: Man nimmt den heutigen Stand der Dinge und vergrössert ihn. Das funktioniert genau so gut oder genau so schlecht wie in der Science Fiction. Es kann hinhauen, wie beim Handy. Manchmal interpoliert man zu wenig – dann hat man Autobahnen, die schon 50 Jahre nach der Planung den Verkehr nicht mehr schlucken können. Manchmal interpoliert man zu viel, dann hat man riesige Kirchen, wie z.B. bei uns draussen in Winterthur St. Ulrich, die kaum Besucher haben; Kirchen die gebaut wurden, weil die, die es zu wissen vorgaben, ein riesiges Wachstum des Quartiers vorhersagten. Aber es kam die Autobahn und schnürte das Quartier gegen Norden und Osten ab. Und es kam der rasante Mitgliederschwund der Landeskirchen, den selbst die Einwanderer aus dem Süden nicht mehr kompensieren können. Beides hat man nicht vorhergesehen.

Ungeheuer wichtig, auch für unsern Alltag – sagen jedenfalls die, die dafür arbeiten – ist die Entwicklung der Börsen- und Devisenkurse und damit der ganzen Konjunktur. Eine eigene Wissenschaft hat sich darum herum erstellt. Simon Schmid hat im Tages-Anzeiger dazu einen Artikel veröffentlicht, aus dem ich ein paar Sätze zitieren will:

Das Gemeinsame an Wirtschaftsprognosen ist: Sie liegen meistens daneben. Im Nachhinein besonders haarsträubend sind manche Vorhersagen zum Finanzmarkt. So meinte ein Kollektiv von 43 Banken, die das Portal Boerse.de Ende 2012 befragte, dass der US-Aktienindex S & P 500 im Lauf dieses Jahres [2013] von 1426 auf 1526 Punkte ansteigen würde. Das wäre ein Plus von 7 Prozent gewesen. Tatsächlich kletterte besagter Index im Jahr 2013 dann um über 26 Prozent, aktuell [24.12.2013] steht er bei 1809 Punkten. Keines der befragten Institute hatte diesen Anstieg auch nur annähernd erwartet. […]

Versagt hat die Weisheit der Banken zuletzt für die Schweiz. Noch im Dezember 2012 lag die Konsensprognose zum Wachstum 2013 bei 1,0 Prozent. Jüngste Schätzungen deuten an, dass die Vorhersage um fast ein ganzes Prozent zu tief ausgefallen ist. 2014 wird nun ein Wachstum von 2,1 Prozent prognostiziert – wobei die Spannweite der Schätzungen von 1,7 bis 3,0 Prozent beträchtlich ist. […]

Kurzfristige Bewegungen auf dem Finanzmarkt vorherzusagen, ist praktisch unmöglich: Für diese Erkenntnis erhielt der Ökonom Eugene Fama dieses Jahr [2013] sogar den Nobelpreis. Als speziell schwierig vorauszusagen gelten Devisenkurse, weil ihre Entwicklung von sehr vielen Faktoren abhängt. […]

«Prognosen für Wertpapierpreise oder die Wirtschaftsentwicklung sind nicht von vornherein aussichtslos», meint der Berner Wirtschaftsprofessor Dirk Niepelt. Die akademische Welt sei aber eher skeptisch gegenüber der angewandten Prognosetätigkeit – besonders, wenn diese sich auf komplexe Modelle mit vielen Gleichungen stütze. «Derartige Modelle setzen voraus, dass zahlreiche Annahmen getroffen werden, und solche Annahmen können falsch sein», so Niepelt. «Notorisch unzuverlässig» seien Konjunkturprognosen sogar, wenn sie den Beginn eines Auf- oder Abschwungs ankündigten. […]

Unvorhersehbare Risiken und modelltheoretische Schwierigkeiten machen die Prognosen zu einem abenteuerlichen Business. Auch Herdentrieb und der Ruf nach Aufmerksamkeit prägen das Geschäft. «Prognostiker, die sich am Markt bewähren müssen, sind in einer zwiespältigen Lage», sagt der Wirtschaftsprofessor Dirk Niepelt. «Einerseits haben sie einen Anreiz, nicht zu stark vom Konsens abzuweichen; andererseits wollen sie als eigenständig wahrgenommen werden.»